Hören als Voraussetzung fürs Studieren?

Letzte Woche begann alles mit einem zunächst harmlosen Druck auf den Ohren. Nichts Dramatisches – dachte ich. Doch das Gefühl wurde zunehmend stärker, bis schließlich sogar der Kiefer schmerzte. Am nächsten Morgen habe ich auf dem Weg zur Hochschule einen Abstecher in die Notaufnahme gemacht.

Offenbar war mein Zustand allerdings nicht akut genug für eine sofortige Behandlung. Man bot mir an, mich etwa zwei Stunden später in der HNO-Abteilung vorzustellen. Alternativ wurde mir empfohlen, zunächst eine niedergelassene Praxis aufzusuchen. Letzteres habe ich dann – nach meinen Vorlesungen – auch getan.

Die Diagnose war schnell gestellt: eine beidseitige Gehörgangsentzündung.
Die Behandlung ebenso klar: Für mehrere Tage wurden mir antibiotische Salbenstreifen in beide Ohren eingesetzt.

Plötzlich: Stille

Nun will ich gar nicht in die klassische Richtung abdriften und über Krankheiten klagen. Interessant wurde es nämlich an anderer Stelle:

Mit den eingesetzten Streifen konnte ich auf beiden Ohren praktisch nichts mehr hören.

Ein eher ungünstiger Zustand – insbesondere dann, wenn der Alltag aus Vorlesungen besteht. Nicht umsonst spricht man davon, Vorlesungen zu hören.

Digitale Rettung

In diesem Moment zeigte sich ein unerwarteter Vorteil:
An der Hochschule Stralsund gibt es in vielen Veranstaltungen die Möglichkeit, parallel online teilzunehmen.

Alle Dozenten haben für mich – und natürlich auch für andere Studierende – kurzfristig die Online-Übertragung aktiviert. Mit Headset und maximaler Lautstärke konnte ich so den Vorlesungen weiterhin folgen.

Das war pragmatisch, unkompliziert – und vor allem hilfreich.

Ein Perspektivwechsel

Diese Erfahrung hat jedoch eine Frage aufgeworfen, die mich seitdem nicht mehr ganz loslässt:

Was wäre gewesen, wenn es diese Möglichkeit nicht gegeben hätte?

Für mich war die Situation temporär. Ein paar Tage Einschränkung, dann ist alles wieder normal.
Aber was ist mit Menschen, für die eingeschränktes Hören kein vorübergehender Zustand ist?

Wie studieren Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung, die sich nicht oder nur begrenzt durch Hörgeräte ausgleichen lässt?

Unsichtbare Realität?

Ehrlich gesagt: Ich habe mir diese Frage vorher nie wirklich gestellt.

Und noch etwas ist mir aufgefallen – oder vielmehr: nicht aufgefallen.

Ich kann mich nicht erinnern, auf dem Campus bewusst Studierende mit sichtbarer Hörbeeinträchtigung wahrgenommen zu haben. Gleiches gilt übrigens auch für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass es sie nicht gibt.
Im Gegenteil: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie da sind – nur eben nicht sichtbar.

Wahrnehmung und blinde Flecken

Das führt zu einer unangenehmen, aber wichtigen Erkenntnis:

Vielleicht liegt das Problem weniger darin, dass es keine inklusiven Strukturen gibt – sondern auch darin, dass wir sie nicht wahrnehmen, solange wir sie selbst nicht brauchen.

Oder anders gesagt:
Solange alles funktioniert, stellen wir selten Fragen.

Erst wenn etwas plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist – wie das Hören in einer Vorlesung – wird sichtbar, wie stark unser Alltag auf bestimmten Voraussetzungen basiert.

Inklusion im Alltag mitdenken

Dabei sollte klar sein:

Hörende Menschen sind nicht intelligenter oder besser geeignet für ein Studium.
Genauso wenig wie sehende Menschen automatisch bessere Studierende sind.

Wenn also bestimmte Gruppen im Hochschulalltag weniger sichtbar sind, liegt das kaum an fehlender Fähigkeit – sondern eher an bestehenden Barrieren.

Diese Barrieren sind nicht immer offensichtlich.

  • Manchmal sind sie technisch.
  • Manchmal organisatorisch.
  • Und manchmal schlicht gedanklich.

Eine offene Frage

Neben der praktischen Frage, wie gut Hochschulen auf unterschiedliche Bedürfnisse vorbereitet sind, bleibt für mich vor allem eine persönliche:

Warum ist mir das eigentlich erst jetzt aufgefallen?

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Kern von Inklusion:
Nicht erst dann darüber nachzudenken, wenn man selbst betroffen ist.

Fazit

Ein paar Tage eingeschränktes Hören haben gereicht, um meine Perspektive zumindest ein wenig zu verändern. Sicher werde ich jetzt nicht zum Aktivisten, aber vielleicht, oder eher hoffentlich werde ich in Zukunft etwas aufmerksamer für diese Fragen sein.

Vielleicht beginnt Inklusion genau dort: Bei der Bereitschaft, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Letztlich bin ich aber vor allem froh, dass die stillen Tage erstmal vorbei sind. Die Streifen sind raus und ich kann wieder ganz normal meine Vorlesungen hören.

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