Ich glaube, die meisten Menschen legen großen Wert auf eine wertschätzende Kommunikation. Das bedeutet nicht nur, dass man selbst wertgeschätzt werden möchte, sondern natürlich auch, dass man seinem Gegenüber mit derselben Haltung begegnet und wertschätzend kommuniziert. Doch allzu oft empfinde ich unseren alltäglichen Austausch als nicht wirklich wertschätzend. Wie kommt das eigentlich? Dabei ist eine der wichtigsten Grundlagen dafür denkbar leicht umzusetzen: Einfach antworten!

Vom direkten Gespräch zum digitalen Blindflug
Früher war es so, dass man oft direkt mit anderen Menschen gesprochen hat. Man saß sich gegenüber und natürlich hat das Gegenüber auf Fragen geantwortet. Sowohl im persönlichen Gespräch als auch in einer Besprechung. Wäre ja sonst auch irgendwie eine sehr merkwürdige Situation. Jemand stellt eine Frage und nichts passiert – das würde schon bei mir selbst den inneren Druck auslösen, irgendetwas zu sagen. Dabei ist es noch nicht einmal zwingend wichtig, konkret auf die Frage zu antworten, aber einfach gar nichts zu sagen, wäre mir zumindest fast unmöglich.
Im Laufe der Zeit hat sich unsere Kommunikation jedoch stark verändert. Wir sprechen weniger direkt miteinander und nutzen stattdessen zunehmend technische Hilfsmittel. Zuerst waren es Hilfsmittel wie das Telefon, dann E-Mails und heute immer häufiger irgendwelche Messenger. Das hat mit Sicherheit auch dazu geführt, dass die Kommunikation weniger persönlich geworden ist. Wenn in einem Chat eine Nachricht erscheint, ist es halt schlichtweg nicht dasselbe, als wenn man sich gegenübersitzt.
Rosa Einhörner und die Erwartungshaltung
Natürlich muss man differenzieren, um was für eine Art von Kommunikation es sich handelt. Bei Werbemails oder reinen Werbenachrichten erwartet auch der Absender nicht, dass alle Adressaten wirklich antworten. Das ist ja in etwa so, als ob man auf einem belebten Platz steht und rosa Einhörner anpreist. Auch da würden ja nicht alle Menschen auf dem Platz antworten.
Aber in einer Kommunikation zwischen Menschen, die miteinander zu tun haben und die ein gemeinsames Interesse haben (oder zumindest haben sollten), ist das etwas anderes. Hier erwarte ich eine Antwort, oder zumindest eine Reaktion. Und obwohl es mit den heutigen Messengern eigentlich so viel einfacher geworden ist, verhallen Fragen oft im digitalen Nichts. In wohl allen Messengern könnte man einfach eine kleine Reaktion an eine Nachricht pinnen. Das ist zwar noch keine ausführliche Antwort, zeigt aber doch zumindest, dass die Nachricht wahrgenommen wurde. Aber selbst das passiert oft nicht.
Der Teufelskreis des Schweigens
Für den Absender drängt sich in solchen Momenten die Vermutung auf, dass entweder die Nachricht so unwichtig war, dass es sich für den Empfänger nicht gelohnt hat zu reagieren, oder es liegt an einem selbst als Person. Das kann ganz schön an einem selbst nagen.
Oft verändert sich dadurch die Kommunikation (ist das dann eigentlich noch Kommunikation?) dahingehend, dass man nicht mehr fragt, sondern nur noch Mitteilungen macht. Das führt dann natürlich dazu, dass noch weniger reagiert wird, denn es sind ja keine Fragen mehr. Besser geht es dem Absender damit aber auch nicht, ganz im Gegenteil. Möglicherweise verändert sich auch der Tonfall: Die Nachrichten werden schärfer formuliert, möglicherweise fordernd oder gar aggressiver. Das erhöht natürlich auch nicht gerade die Motivation der Gegenseite, darauf zu antworten oder zu reagieren. Ein Teufelskreis!
Es kann aber auch sein, dass immer weniger gefragt oder mitgeteilt wird und die Kommunikation irgendwann wahrscheinlich einfach abbricht. Das passiert im privaten Bereich, wenn die gemeinsame Basis tatsächlich nicht stark genug ist. Das passiert aber auch im beruflichen oder geschäftlichen Umfeld, mit entsprechenden Folgen:
- Projekte verzögern sich, werden nicht mit dem gewünschten Erfolg bearbeitet und scheitern im Extremfall.
- Geschäftsbeziehungen entstehen nicht, schlafen ein oder werden gar abgebrochen, selbst wenn es eigentlich eine gemeinsame Basis gegeben hätte.
- Probleme eskalieren unnötig und verschlingen unnötige Ressourcen.
Letztlich hat das Ganze auch Auswirkungen auf die eigene persönliche Konstitution. Wenn auf Nachrichten und Fragen nicht mehr geantwortet wird, stärkt das mit Sicherheit nicht das Selbstwertgefühl.
Ist das vielleicht ein Grund, warum immer mehr Menschen entsprechende psychologische Unterstützung benötigen? Sicher nicht alleine, aber eine gewisse Kausalität scheint mir hier naheliegend zu sein.
Ein Update für unser Kommunikationsverhalten
Und wie kann man das ändern? Einfach wieder öfter reagieren oder gar antworten.
Und selbst wenn die Antwort lautet: „Sorry, ich habe im Moment keine Zeit dafür, das Thema ist für mich im Moment nicht wichtig, ich weiß es nicht…“ – das gibt dem Absender das Gefühl, zumindest ein wenig wertgeschätzt zu werden. Und wenn es für eine echte Antwort nicht reicht, dann tut es zumindest eine kleine Reaktion, zumindest ab und an, quasi als Zusammenfassung.
Wenn man mit einer Person absolut nichts mehr zu tun haben will, dann sollte man das auch sagen. Da weiß man zumindest, woran man ist. Das geht im beruflichen Alltag natürlich nicht so einfach. Da bleibt oft nur zu antworten, wenn man selbst in der Kommunikation die gesetzten Ziele erreichen will oder muss. Aber auch dann wird es allen Beteiligten besser gehen, wenn die Kommunikation wertschätzender wird. Vielleicht stellt man sogar fest, dass man mehr gemeinsam hat als zuvor gedacht.
Und wenn es mal nicht geklappt hat? Da kann man sich einfach auch mal entschuldigen. Ein „Sorry, ich bin in den letzten Tagen/Wochen einfach nicht dazu gekommen“ reicht oft völlig aus. Da haben viele Verständnis dafür, denn wir sind ja alle nicht nur Absender, sondern genauso Empfänger.
Ich freue mich auf Antworten zu diesem Beitrag 😉.
